Komorebi — das japanische Wort für Licht, das durch Blätter fließt

木漏れ日 (Komorebi) ist Sonnenlicht, das durch Zweige und Blätter eines Baumes dringt, zusammen mit den Flecken und Glanzlichtern, die es auf den Boden wirft. Das Wort ist im modernen Japanischen alltäglich: Es steht in Wörterbüchern und wird im Alltag verwendet, nicht nur in der Poesie. Eine direkte deutsche Entsprechung gibt es nicht — nur Umschreibungen wie „Sonnenflecken durch Blätter“ — und dasselbe gilt für das Englische.

Das Wort „Komorebi“ kursiert in sozialen Netzwerken mit der Beschriftung „das unübersetzbare japanische Wort“. Wir schauen uns an, aus welchen drei gewöhnlichen Schriftzeichen es tatsächlich zusammengesetzt ist und warum der Mythos der Unübersetzbarkeit gerade in den 2010er Jahren entstand. Nebenbei sehen wir, in welchen alltäglichen Situationen es Japaner selbst verwenden — nicht nur in Gedichten, sondern auch als Bildunterschrift oder im Namen eines Hauses.

Licht, das durch Blätter fließt, nicht einfach nur „scheint“

木漏れ日 ist Sonnenlicht, das durch Zweige und Blätter eines Baumes dringt und in Flecken und Glanzlichtern auf den Boden fällt. Das Wort ist alltäglich, kein poetischer Fachbegriff: Man findet es in erklärenden Wörterbüchern und hört es in der Umgangssprache, wenn von Licht im Park oder im Hof die Rede ist.

Warum die Lichtflecken immer rund sind

Für dieses Phänomen gibt es eine optische Erklärung: Die Lücken zwischen den Blättern wirken wie die Öffnung einer Camera obscura, deshalb haben die Flecken auf dem Boden immer die Form der Sonne — also sind sie rund, unabhängig von der Form der Lücke selbst. Während einer partiellen Sonnenfinsternis sehen die Komorebi-Flecken auf dem Asphalt wie eine Ansammlung von Halbmonden aus — derselbe Effekt.

Drei gewöhnliche Schriftzeichen: 木, 漏れ und 日

Das Wort ist nach einem gewöhnlichen Muster gebildet, das für jeden Japaner durchsichtig ist: 木 „Baum“ plus 漏れ — die Form des Verbs 漏れる „durchsickern“ — plus 日 „Sonne, Tageslicht“. Ein Muttersprachler hört in こもれび keinen Fachbegriff, sondern eine gewöhnliche Beschreibung: das Licht des Baumes, das nach außen geflossen ist.

漏 — значение: durchsickern, durchdringen, fließen, Leck — онъёми: ロウ — кунъёми: も.る、も.れる、も.らす — 14 штрих(ов). 漏 steht im Wort in der Form 漏れ: Das Licht „scheint“ nicht und „fällt“ nicht, sondern fließt durch das Laub wie Wasser durch eine Spalte. Dasselbe Zeichen steht in 雨漏り (amamori) „undichtes Dach“ und in 漏電 (rōden) „Stromleck“.

Woher die Stimmhaftigkeit in der Lesung kommt: hi wird zu bi

Wenn Wörter zu einem Wort zusammengesetzt werden, wird der Konsonant an der Fuge stimmhaft — ein für das Japanische typisches Phänomen, Rendaku. Das Zeichen 日 allein wird ひ (hi) gelesen, in こもれび wird es zu び (bi). Ohne diesen Übergang klänge das Wort für japanische Ohren ungewohnt.

JapanischLesungÜbersetzung
木漏れ日komorebi · komorebiLicht, das durch das Laub gesickert ist
漏れるmoreru · moreruDurchsickern, fließen
雨漏りamamori · amamoriUndichtes Dach
漏電rōden · rōdenStromleck

Schreibe 漏 entlang der Hilfslinien — das Zeichen des „Durchsickerns“, ohne das sich das Wort „Komorebi“ nicht bilden lässt.

Warum man nicht „ein Wort, das es in keiner anderen Sprache gibt“ schreiben sollte

Im Internet kursiert die Formel: „Im Japanischen gibt es ein Wort, das es in keiner anderen Sprache gibt.“ Sie ist ungenau. Das Deutsche kann dieses Phänomen nicht mit einem Wort benennen, beschreibt es aber mühelos — „Sonnenflecken durch Blätter“, „Lichtspiel in der Baumkrone“. Dasselbe gilt für das Englische: Auch dort gibt es keine Ein-Wort-Entsprechung.

Woher die Legende der Unübersetzbarkeit stammt

Gerade das Fehlen einer englischen Entsprechung hat こもれび im Internet verbreitet. 2014 erschien das illustrierte Buch „Lost in Translation“ von Ella Frances Sanders mit einer Liste von Wörtern ohne direkte englische Übersetzung, und Komorebi landete dort neben Wabi-Sabi. Danach verbreitete sich das Wort über Listen „unübersetzbarer Wörter“, die meist nicht von Muttersprachlern, sondern von Ausländern zusammengestellt werden, die die Sprache von außen lernen.

Dabei ist das Wort völlig gewöhnlich aufgebaut: drei alltägliche Schriftzeichen, keine verborgene Philosophie. Ungewöhnlich ist nicht die Konstruktion, sondern dass sie in ein kurzes Wort passt und nicht in einen ganzen Satz.

Bildunterschrift, nicht nur eine Haiku-Zeile

In der gewöhnlichen japanischen Sprache begegnet „Komorebi“ dort, wo im Deutschen „Glanzlichter“ steht: unter einem Waldphoto in sozialen Netzwerken, im Namen eines Cafés oder einer Wohnanlage. Solche Namen lieben auch saisonale Naturkolumnen in Zeitungen und Blogs — sie klingen heimelig gemütlich. Die poetische Verwendung in Gedichten und Liedern gibt es auch, aber das ist nicht die einzige und nicht einmal die wichtigste Umgebung des Wortes.

Zweite Schreibvariante: 木洩れ日

Das Wort hat eine Schreibvariante 木洩れ日 — mit einem anderen Zeichen statt 漏れ, aber mit derselben Lesung こもれび und derselben Bedeutung. Als Hauptform gilt in Wörterbüchern 木漏れ日; die zweite kommt seltener vor, und man sollte den Leser nicht damit verwirren.

Häufige Fragen

Was bedeutet das japanische Wort „Komorebi“?
Komorebi (木漏れ日) ist Sonnenlicht, das durch Zweige und Blätter eines Baumes dringt, zusammen mit den Flecken und Glanzlichtern, die es auf den Boden wirft. Es ist ein gewöhnliches japanisches Wort, kein poetischer Fachbegriff: Es steht in Wörterbüchern und wird in der Alltagssprache verwendet, wenn von Licht im Park oder im Hof die Rede ist.
Wie schreibt und liest man das Wort „Komorebi“?
Es wird 木漏れ日 geschrieben, こもれび gelesen. Das Wort setzt sich aus drei Teilen zusammen: 木 „Baum“, 漏れ — die Form des Verbs 漏れる „durchsickern“, 日 „Sonne“. An der Fuge wird 日 (hi) stimmhaft zu び (bi) — ein für das Japanische typisches Phänomen, Rendaku.
Stimmt es, dass Komorebi unübersetzbar ist?
Nicht ganz. Im Deutschen und im Englischen gibt es kein einzelnes Wort für dieses Phänomen, aber Umschreibungen: „Sonnenflecken durch Blätter“. In der Welt verbreitete sich das Wort vor allem durch englischsprachige Sammlungen „untranslatable words“ der 2010er Jahre, nicht weil es besonders aufgebaut wäre.
Worin unterscheidet sich Komorebi von einfachem Sonnenlicht?
Komorebi ist nicht irgendein Sonnenlicht, sondern genau das, das durch das Laub eines Baumes gefiltert wird und in Flecken und Glanzlichtern auf den Boden fällt. Die Flecken sind dabei immer rund, unabhängig von der Form der Lücke zwischen den Blättern — ein optischer Effekt, ähnlich der Funktionsweise einer Camera obscura.
Gibt es eine andere Schreibweise für das Wort „Komorebi“?
Ja, es gibt die Schreibweise 木洩れ日 mit einem anderen zweiten Zeichen, aber mit derselben Lesung こもれび und derselben Bedeutung. Wörterbücher betrachten 木漏れ日 als Hauptform, und 木洩れ日 als deren Variante, die seltener verwendet wird und nicht mit einem Tippfehler verwechselt werden sollte.
Wann kam das Wort „Komorebi“ ins Deutsche?
Ein genaues Datum lässt sich nicht nennen. Ins deutschsprachige Internet gelangte das Wort nicht direkt aus dem Japanischen, sondern über dieselbe Welle englischsprachiger Sammlungen „unübersetzbarer Wörter“ der 2010er Jahre, die es auch in andere Sprachen brachte. Vor dieser Welle kam es in deutschen Texten kaum vor.

Quellen

Aktualisiert: 2026-09-21

禅

Japanese Zen