Nue — die Chimäre, die über dem Kaiserpalast mit einem Pfeil abgeschossen wurde
Nue ist ein Chimären-Ungeheuer aus japanischen Legenden: Kopf eines Affen, Pfoten eines Tigers, Körper eines Tanuki und Schwanz einer Schlange. Im 12. Jahrhundert soll es als schwarze Wolke über dem Kaiserpalast in Kyoto gekreist sein, bis der Krieger Minamoto no Yorimasa es mit einem Pfeil abschoss. Seitdem ist „nue“ auch ein japanisches Wort für alles Unfassbare und Zweideutige.

Drei Nächte hintereinander hing eine schwarze Wolke über dem Dach des Palastes, und mit ihr kam das Fieber zum Kaiser — so beginnt eine der skurrilsten Jagden der japanischen Mythologie. Selbst für Yokai-Verhältnisse ist Nue ein Sammelsurium: ein bisschen von hier, ein bisschen von dort, von vier verschiedenen Tieren.
Wer ist Nue und wie sieht er aus
Nue (鵺) ist ein zusammengesetztes Ungeheuer aus japanischen Überlieferungen: Kopf eines Affen, Körper eines Tanuki, Pfoten eines Tigers, Schwanz einer Schlange, und die Stimme wie die einer Toratsugumi-Drossel (虎鶫). Genau diese Beschreibung, bis hin zum Vogel als Vorbild für die Stimme, gibt auch das japanische Wörterbuch. Keiner der vier „Spender“ des Körpers ist die Hauptsache — Nue ist kein Tiger mit fremdem Kopf und keine Schlange mit fremden Pfoten, sondern genau alles auf einmal.
- Der Kopf — der eines Affen.
- Der Körper — der eines Tanuki (Marderhundes).
- Die Pfoten — die eines Tigers.
- Der Schwanz — der einer Schlange, und die Stimme wie die einer Toratsugumi-Drossel.
Ist er gefährlich
In der Hauptüberlieferung greift Nue nicht direkt an — er erscheint nachts als schwarze Wolke über dem Dach, und mit dieser Wolke kommt eine unerklärliche Krankheit zum Kaiser. Die Gefahr liegt hier nicht in den Krallen, sondern im bloßen Erscheinen: Etwas, das in der gewohnten Ordnung keinen Platz hat, schadet der Gesundheit schon durch seine Anwesenheit.
Die Nacht im Palast: Wie er mit einem Pfeil abgeschossen wurde
Die Geschichte ist im „Heike Monogatari“ beschrieben. Am Hof von Kaiser Konoe (dem 76.), in den Ninpei-Jahren (1151–1154), stieg über dem Pavillon Seiryō-den (清涼殿) — den privaten Gemächern des Kaisers — nachts schwarzer Rauch auf, und der Herrscher erkrankte. Das Ungeheuer zu töten wurde dem Krieger Minamoto no Yorimasa (源頼政) übertragen: Er schoss in die Dunkelheit und traf, und der Diener Ino Hayata (猪早太) erlöste das verwundete Wesen. Als Belohnung erhielt Yorimasa das Schwert Shishiō (師子王).
Was aus dem Schützen wurde
Derselbe Yorimasa erhob sich fast drei Jahrzehnte später, im Jahr 1180, zusammen mit Prinz Mochihito gegen den Taira-Klan — und mit diesem Aufstand begann der Gempei-Krieg, mit dem die gesamte Heian-Epoche enden sollte. Das wirkt symbolisch: Der Mann, der Nue erschoss, ist derselbe, der den Krieg eröffnete, der eine ganze Epoche beenden sollte.
鵺 — das Zeichen mit dem Radikal „Vogel“
Das Zeichen 鵺 existiert praktisch nur für dieses Wort: Es setzt sich aus dem Radikal 鳥 „Vogel“ und dem Lautträger 夜 „Nacht“ zusammen — wörtlich „Nachtvogel“. Der Name verweist nicht auf das Aussehen (Nue ist, wie wir wissen, keineswegs vollständig ein Vogel), sondern darauf, wie man ihn in der Dunkelheit wahrnahm — am Ruf.
鵺 — значение: Nue, Chimärenvogel, etwas Unfassbares — онъёми: コウ、ヤ — кунъёми: ぬえ — 19 штрих(ов). 鵺 — „Nue, der Chimärenvogel“: 19 Striche, rechts das Radikal 鳥 „Vogel“, links der Lautträger 夜 „Nacht“. Ein seltenes Zeichen, das fast nirgends außer in diesem Wort vorkommt.
| Japanisch | Lesung | Übersetzung |
|---|---|---|
| 鵺 | nue · nue | Nue, das Chimärenungeheuer |
| 鵺塚 | Nuezuka · Nuezuka | Der Nuezuka-Hügel in Osaka |
| 清涼殿 | Seiryō-den · Seiryō-den | Der Pavillon der privaten Gemächer des Kaisers in Kyoto |
| 源頼政 | Minamoto no Yorimasa · Minamoto no Yorimasa | Der Krieger, der Nue erschoss |
| 鵺的な | nue-teki na · nue-teki na | „Unfassbar, zweideutig“ — über einen Menschen oder eine Position |
Warum dieses Wort heute „unfassbar“ bedeutet
Im modernen Japanisch beschreibt 鵺的な nicht ein Ungeheuer, sondern einen Menschen oder eine Position: verschwommen, ohne klare Form, die sich nicht eindeutig bestimmen lässt — zum Beispiel über einen Politiker, der weder Fisch noch Fleisch ist. Das Wort hat vom mythischen Nue die wichtigste Eigenschaft geerbt: aus erkennbaren Teilen zusammengesetzt, aber als Ganzes in keine Kategorie einzuordnen.
Schreibe 鵺 entlang der Hilfslinien und erarbeite die Strichreihenfolge.
Nue und Yamata no Orochi: Worin sich zusammengesetzte Ungeheuer unterscheiden
| Merkmal | Nue | Yamata no Orochi |
|---|---|---|
| Körper | Kopf eines Affen, Pfoten eines Tigers, Körper eines Tanuki, Schwanz einer Schlange | Schlange mit acht Köpfen und acht Schwänzen |
| Wo er erscheint | als schwarze Wolke über dem Kaiserpalast in Kyoto | am Fluss Hi in Izumo |
| Wie er besiegt wurde | von Minamoto no Yorimasa mit dem Bogen erschossen | mit Sake betrunken gemacht und im Schlaf vom Gott Susanoo erschlagen |
| Was danach blieb | der Nuezuka-Hügel in Osaka, das Wort „nue-teki na“ | das Schwert Kusanagi no Tsurugi — einer der drei kaiserlichen Throninsignien |
Warum sie in Nacherzählungen leicht verwechselt werden
Beide werden in kurzen Nacherzählungen auf das gemeinsame Etikett „japanisches zusammengesetztes Monster“ reduziert. Doch das sind Geschichten aus verschiedenen Epochen: Yamata no Orochi gehört zum Götterzeitalter aus dem „Kojiki“ und dem „Nihon Shoki“, Nue dagegen zu einer viel späteren, fast historischen Episode des Heian-Hofes aus dem „Heike Monogatari“. Verschiedene Jahrhunderte, verschiedene Textgattungen — gemeinsam ist nur das Prinzip, ein Ungeheuer aus Teilen fremder Tiere zusammenzusetzen.
Häufige Fragen
- Wer ist Nue?
- Ein zusammengesetztes Chimärenungeheuer aus japanischen Überlieferungen: Kopf eines Affen, Körper eines Tanuki, Pfoten eines Tigers und Schwanz einer Schlange, und die Stimme wie die einer Toratsugumi-Drossel. Der Legende im „Heike Monogatari“ zufolge erschien er nachts als schwarze Wolke über dem Kaiserpalast in Kyoto und schickte dem Herrscher eine Krankheit.
- Wie sieht Nue aus?
- Nue hat den Kopf eines Affen, den Körper eines Tanuki (Marderhundes), die Pfoten eines Tigers und den Schwanz einer Schlange — diese Beschreibung stimmt im „Heike Monogatari“ und in modernen japanischen Wörterbüchern überein. Ein besonderes Merkmal ist die Stimme, die dem Ruf einer Toratsugumi-Drossel ähnelt und durch die er nachts bemerkt wurde.
- Wann und wo erschien Nue der Überlieferung nach?
- Dem „Heike Monogatari“ zufolge stieg am Hof von Kaiser Konoe in den Ninpei-Jahren (1151–1154) über dem Pavillon Seiryō-den — den privaten Gemächern des Kaisers in Kyoto — mehrere Nächte hintereinander schwarzer Rauch auf, und mit ihm erkrankte der Herrscher.
- Wer tötete Nue?
- Der Krieger Minamoto no Yorimasa schoss in der Dunkelheit mit dem Bogen auf das Ungeheuer und traf, und sein Diener Ino Hayata erlöste das verwundete Wesen. Als Belohnung erhielt Yorimasa das Schwert Shishiō — ein seltener Fall, in dem ein Yokai-Jäger namentlich bekannt ist und eine Belohnung erhielt.
- Stimmt es, dass das Wort „nue“ im Japanischen noch verwendet wird?
- Ja. Der Ausdruck 鵺的な (nue-teki na) beschreibt etwas Unfassbares und Zweideutiges — zum Beispiel die Position eines Politikers, die sich nicht auf eine klare Formel bringen lässt. Das Wort hat vom Ungeheuer die wichtigste Eigenschaft geerbt: aus erkennbaren Teilen zusammengesetzt, aber als Ganzes auf nichts zu reduzieren.
- Worin unterscheidet sich Nue von Yamata no Orochi?
- Beide sind zusammengesetzte Ungeheuer, aber aus verschiedenen Schichten der Mythologie: Yamata no Orochi ist eine achtköpfige Schlange aus dem Götterzeitalter im „Kojiki“ und „Nihon Shoki“, Nue dagegen eine Chimäre aus vier Tieren, die in einer viel späteren, fast historischen Episode des Heian-Hofes erscheint.
Quellen
Aktualisiert: 2026-09-10