Okuri-inu — der „begleitende Hund“ vom nächtlichen Bergpfad

Okuri-inu, der „begleitende Hund“, ist eine Gestalt des japanischen Volksglaubens: ein lautloser Vierbeiner, meist mit dem Wolf gleichgesetzt, folgt dem Wanderer auf einem nächtlichen Bergpfad und greift ihn nicht an, solange dieser auf den Beinen bleibt. In manchen Erzählungen heißt er okuri-ōkami, „begleitender Wolf“: Dort bedroht er den Gefallenen oder schützt ihn umgekehrt vor anderen Tieren.

Okuri-inu — der „begleitende Hund“ vom nächtlichen Bergpfad

Nachts auf einem Bergpfad zu gehen und gleichmäßige Schritte hinter sich zu hören, ist ein Stoff für Gruselgeschichten – doch der japanische Volksglaube lässt dem Opfer eine einfache Chance auf Rettung: nicht zeigen, dass man gefallen ist. Wir schauen, woher der Okuri-inu stammt, wie er mit dem ausgestorbenen japanischen Wolf zusammenhängt, welchen zwiespältigen Ruf – mal Beschützer, mal Raubtier – er in verschiedenen Regionen des Landes erhielt und was das Wort okuri-ōkami in der heutigen Sprache bedeutet.

Okuri-inu: der Hund, der lautlos auf dem Bergpfad folgt

Okuri-inu, der „begleitende Hund“, ist eine Gestalt des japanischen Volksglaubens vom nächtlichen Bergpfad: Ein lautloses Tier folgt dem Wanderer auf Schritt und Tritt und fügt ihm keinen Schaden zu, solange dieser fest auf den Beinen steht. In Gegenden von Kantō bis Kinki und in Kōchi erzählt man dasselbe als okuri-ōkami, „begleitender Wolf“. In manchen Erzählungen ist er ein gefährliches Raubtier, in anderen umgekehrt ein Beschützer, der andere Tiere vom Wanderer fernhält, wenn dieser sich richtig verhält.

Warum man vor dem Okuri-inu nicht fallen darf

Die Gefahr tritt dem Volksglauben nach in einem einzigen Fall ein – wenn der Wanderer stolpert und fällt: Dann stürzt sich das Tier auf ihn. Als sicherer Weg, dem Angriff zu entgehen, galt, nicht zu zeigen, dass man gefallen war: etwas wie „Puh, endlich eine Pause“ zu sagen und ruhig aufzustehen, als hätte man sich absichtlich für eine Minute hingesetzt und nicht das Gleichgewicht verloren.

Okuri-inu und der ausgestorbene japanische Wolf

Gerade mit dem Wolf, nicht einfach mit einem wilden Hund, verbinden die Volkskundler den Okuri-inu am häufigsten. Der japanische Wolf, der einst auf Honshū lebte, starb Anfang des 20. Jahrhunderts aus: Der letzte sicher bestätigte wurde am 23. Januar 1905 bei Washikaguchi im Dorf Higashi-Yoshino, heute Präfektur Nara, gefangen und an einen angereisten amerikanischen Zoologen verkauft.

Ein Schrein, in dem der Wolf bis heute verehrt wird

Im Schrein Mitsumine wird der Wolf noch heute als Beschützer vor Dieben und Bränden verehrt – ein Bild, das dem des okuri-ōkami nahesteht: ein Tier, das begleitet und behütet, wenn man sich richtig verhält.

„Okuri-ōkami“ in der modernen japanischen Sprache

Im modernen Japanisch ist 送り狼 (okuri-ōkami) weniger ein Tier als ein Typus: Nach Wörterbuchdefinitionen bezeichnet man so einen Mann, der eine Frau aus Höflichkeit nach Hause begleitet, in Wahrheit aber eine günstige Gelegenheit sucht, sich aufdringlich zu verhalten. Der Bezug zum Volksglauben ist direkt: dieselbe Hinterlist dessen, der nebenher geht, als sorge er sich, in Wahrheit aber den Moment abwartet.

Wie aus dem „Begleiter“ eine Warnung wurde

Der Übergang vom Raubtier des Waldes zur Warnung im Alltag ist ein üblicher Weg für japanischen folkloristischen Wortschatz: Eine unheimliche Gestalt des nächtlichen Pfades taugt auch als Bild für einen Menschen, dessen Höflichkeit man nicht bis zum Ende trauen sollte. Das Wort hat sich so eingebürgert, dass viele heute nur diese moderne Bedeutung kennen, nicht die Geschichte vom Tier.

送 — das Zeichen für „begleiten“ im Namen des Okuri-inu

送 — значение: begleiten, schicken, senden — онъёми: ソウ — кунъёми: おく.る — 9 штрих(ов). 送 — „begleiten, schicken“: das erste Zeichen im Namen 送り犬. Dasselbe Zeichen steht in 見送る (verabschieden) und 送別会 (Abschiedsfeier).

送り犬 — „begleitender Hund“: 送り, gebildet vom Verb 送る „begleiten, schicken“, plus 犬 „Hund“. Dieselbe Wurzel steckt in 見送る „mit den Augen begleiten, zur Tür bringen“ und in 送別会 „Abschiedsfeier“, die in Japan veranstaltet wird, wenn jemand die Firma verlässt oder verreist. Das Zeichen 送 allein wird in sinojapanischen Wörtern ソウ gelesen und おくる, wenn es allein steht.

Das Begleiten als Teil des japanischen Alltags

Im täglichen Leben begegnet 送る viel häufiger als im Zusammenhang mit Yokai: 送料 sind die „Versandkosten“ in jedem Online-Shop, und einen Gast bis zur Haustür oder zum Büro zu begleiten gilt bis heute als höfliche, fast obligatorische Geste. Der mythische Hund hat sich einfach ein Alltagswort geliehen, um zu beschreiben, was er den ganzen Weg tut – begleiten.

JapanischLesungÜbersetzung
送り犬okuri-inu · okuri-inuBegleitender Hund vom Bergpfad
送り狼okuri-ōkami · okuri-ōkamiBegleitender Wolf; im übertragenen Sinn ein aufdringlicher Verehrer
送るokuru · okuruBegleiten, schicken
見送るmiokuru · miokuruMit den Augen begleiten, zur Tür bringen
送別会sōbetsukai · sōbetsukaiAbschiedsfeier anlässlich einer Abreise
送料sōryō · sōryōVersandkosten

Schreibe 送 entlang der Hilfslinien — „begleiten“, genau das, was der Okuri-inu den ganzen Weg tut.

Häufige Fragen

Wer ist der Okuri-inu?
Okuri-inu, der „begleitende Hund“, ist eine Gestalt des japanischen Volksglaubens vom nächtlichen Bergpfad: Ein lautloses Tier, meist mit dem Wolf verbunden, folgt dem Wanderer und fügt ihm bis zu einem gewissen Punkt keinen Schaden zu. In manchen Erzählungen heißt er okuri-ōkami, „begleitender Wolf“, und gilt eher als Beschützer denn als Bedrohung.
Was soll man tun, wenn der Okuri-inu folgt?
Die wichtigste Regel ist, nicht zu zeigen, dass man gefallen ist. Wenn der Wanderer stolperte, sollte er mit einem Seufzer etwas wie „Puh, endlich eine Pause“ sagen und gemächlich aufstehen, als hätte er sich absichtlich für eine Minute hingesetzt. Dann hielt das Tier es für eine gewöhnliche Rast und griff nicht an.
Ist der Okuri-inu ein böser oder ein guter Geist?
Je nach Erzählung verschieden: In manchen Versionen greift der Okuri-inu den gefallenen Wanderer an, in anderen beschützt er ihn umgekehrt vor dem Angriff anderer Tiere, solange dieser auf den Beinen bleibt. Derselbe Pfad konnte je nach lokaler Tradition als gefährlich oder als sicher gelten.
Was bedeutet „okuri-ōkami“ im modernen Japanisch?
Heute bezeichnet 送り狼 (okuri-ōkami) laut Wörterbüchern einen Mann, der eine Frau aus Höflichkeit nach Hause begleitet, in Wahrheit aber eine günstige Gelegenheit sucht, sich aufdringlich zu verhalten. Die Bedeutung ist direkt aus dem folkloristischen Bild des Tieres gewachsen, das nebenher geht, als behüte es, in Wahrheit aber abwartet.
Hängt der Okuri-inu mit dem japanischen Wolf zusammen?
Ja, Forscher verbinden den Okuri-inu vor allem mit dem japanischen Wolf – einem einst auf Honshū häufigen Raubtier, das Anfang des 20. Jahrhunderts ausstarb. Der letzte sicher bestätigte Wolf wurde 1905 im Dorf Higashi-Yoshino, heute Präfektur Nara, gefangen.
Wie schreibt man „okuri-inu“ mit Schriftzeichen?
送り犬, gelesen おくりいぬ: 送り vom Verb 送る „begleiten“ plus 犬 „Hund“. Dieselbe Wurzel 送る steckt in 見送る „mit den Augen begleiten“ und 送別会 „Abschiedsfeier“, und das verwandte Wort 送り狼 bedeutet „begleitender Wolf“ aus demselben Volksglauben.

Quellen

Aktualisiert: 2026-09-15

禅

Japanese Zen